Projekt | Radiokunst (1999)
Die on air-on site- on line Performance "Geschichten II" besteht aus kontinuierlichen akustischen Reaktionen von Elisabeth Schimana, die im Rhiz in Wien auftritt, auf verzögerte Bilder, die der kanadische Künstler Peter Courtemanche aus der Western Front in Vancouver im Internet überträgt; Peter Courtemanche wiederum reagiert in Vancouver auf Schimanas verzögerte Klänge live aus dem Wiener rhiz wiederum mit neuen Bildern. Usw. Ein wechselweises Zusammenspiel aus Klängen und Bildern entsteht, die Geschichten erzählen.

Auf diese Weise wird auch der Live-Radiomix durch die Geschichte des telematischen Zusammenspiels der beiden KünstlerInnen bestimmt.

GESCHICHTEN / ERZÄLUNGEN zu verzögerten Bildern aus Vancouver/Western Front/Peter Courtemanche zu verzögerten Klängen aus Wien/rhiz/Elisabeth Schimana zu verzögerten Bildern aus Canada ... kontinuierliches Reagieren auf die "Geschichte" eines Bildes, eines Klanges.

"Ich stelle mir die Frage: Was kann ich alleine spielen - kontrollieren - bedienen? Das Theremin zum Navigieren durch und zum Modulieren von unterschiedlichen Klangmaterialien, das Echoplex zum Auf - und Abbau digitaler Schleifen, die Stimme zur Intervention - weil immer direkt, das Mischpult. ich stelle mir die Frage nach Geschichte - MEINER Geschichte, EINER Geschichte."

EINE Geschichte bezieht sich auf den Futurismus, Dadaismus und die Radiokunst

15 04 1999 live ORF Kunstradiosendungaus dem rhiz, Wien und der Western Front, Vancouver
26 10 2014 RN(Australian Broadcasting Corporation) Radio Yak: Elisabeth Zimmermann

Texte

Emmy Hennings

Die vielleicht letzte Flucht
Tiefe Nacht.
Still. In einer fremden Stadt ein steiles Zimmer.
Eckig. Mattes Kerzenlicht flackert. Dämonisch öffnet sich eine Tür.
Zwei Wesen sitzen einander gegenüber. Ein Mensch und die Frau.
Der Mann [sich in zwei graue Seen versenkend, die auch unruhig waren] spricht: "Ich möchte Dich ansehn. Immer ansehn - ganz genau ansehn. -"
Die Frau [langsam und gedehnt]: "Ich glaube man soll nichts genau ansehn. Nur nicht genau ansehn. Ich glaube - -"
Der Mann: "Du glaubst, sagst Du?!"
Die Frau [zögernd]: "Ja. Mir scheint alles zweifelhaft. Alles fraglich. Vielleicht -"
Er [wie trinkend]: "O sprich zu mir - ich höre!"
Sie [verzehrend, mit abgerissener Gebärde]: "Nimm mich! Nimm mich!"
Sie fielen ineinander. Sie flog ihm zu ...
Später griff er sofort nach einer Cigarette.
Sie lächelte leise [ein Lächeln, das um so süßer wirkte, weil es selten war]: "Ah! Du bist einer von denen. Hm. Sofort neue Reize."
Er: "Ein anderes Thema." Seine Augen blickten kühl. Um die Lippen, boshaft schmal, irrte ein graues Lächeln.
Das Lächeln des Mörders.
Sie sah entgeistert auf seinen Mund. Seine Augen kniffen sich zynisch zusammen.
Da schlug es in sie. Augen brannten ineinander. Saugten sich fest. Da erkannte sie ihn.
Hinüber und herüber ein geheimes Zeichen.
Er: "Ja. Ja ... ich bin derjenige ---"
Sie zitterte. Sie fiel schüchtern in seine Hände. Und dann zu ihm aufblickend und hingeworfen gestreckt: "Dir leb ich - Dir sterb ich."
Und wieder dieses graue Mörderlächeln um seinen schmalen Mund.
- Am anderen Tage trafen sie sich. Er fragte: Wie geht es Dir?"
Und sie starb, weil sie sich beobachtet fühlte.

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Hans Arp (Dada Zürich / Dichtungen, Bilder, Texte / Arche Verlag 1957, 1998)

Dadaland

Angeekelt von den Schlächtereien des ersten Weltkrieges 1914, gaben wir uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wie suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen, und eine neue Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellen sollte. Wir spürten, daß Banditen aufstehen würden, denen in ihrer Machtbesessenheit selbst die Kunst dazu diene, Menschen zu verdummen.

Sophie Taeuber und ich malten, stickten und klebten im Jahre 1915 Bilder, die wahrscheinlich die ersten Werke "konkreter Kunst" sind. Diese Arbeiten sind selbstständige, unabhängige "Wirklichkeiten". Sie haben keinen rationalen Sinn sie entspringen nicht der greifbaren Wirklichkeit. Wir verwarfen alles, was Nachahmung oder Beschreibung sein könnte, um das Elementare und Spontane in uns frei wirken zu lassen. Weil die Verteilung der Flächen, ihre Verhältnisse und Farben auf diesen Arbeiten nicht ausgeklügelt wirkten, erklärte ich, daß diese Werke "nach den Gesetzen des Zufalls" geordnet seien, des Zufalls der für mich nur ein Teil der unerklärbaren Vernunft ist, der unfaßlichen Ordnung, welche die Natur regiert. - Zur gleichen Zeit verwirklichten russische und holländische Künstler Werke, die den unseren verwandt schienen, aber aus ganz anderen Absichten entstanden waren. Jene sind Verherrlichungen des modernen Lebens, Bekenntnisse zur Maschine und zur Technik.

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Filippo Tommaso Marinetti [gelesen bei Richard Rubinig]

Wir verachten die Frau, die als einziges Ideal gedacht ist, als göttliches Gefäß der Liebe, die Frau als Gift, die Frau als tragisches Spielzeug, die zerbrechliche Frau, die Frau als Hexe, die Femme Fatale, deren Schicksalsschwere stimme und deren träumendes Haar sich hinzieht durch das Blattwerk der Wälder, die das Mondlicht badet. Wir verabscheuen das lästige Gedicht der Liebe, die den Mann auf seinem Weg behindert, sobald er aus seiner menschlichen Wesenheit heraustritt, um sich zu verdoppeln, um sich selbst zu übertreffen, um das zu werden, was wir den multiplizierten Menschen nennen.

Wir verachten die hinderliche und abscheuliche Liebe, jene ungeheuer lange Hundeleine, mit welcher die Sonne die Erde in ihrer Bahn gefangenhält, jene mutige Erde, die sicher nach Lust und Laune davonspränge, um jegliches ihrer siderischen Risken zu wagen.

Bei diesem unserem Bemühen, uns von der Liebe freizumachen, sind die Suffragetten unsere besten Helferinnen. je mehr Recht und Machtpositionen sie der Frau verschaffen, umso mehr wird der Liebeswahn in ihr verkümmern, umso mehr wird sie aufhören, eine Feuerstelle sentimentaler Leidenschaften zu sein. Das fleischliche Leben wird damit einzig auf seine Funktion zur Erhaltung der Art herabgesetzt. Was jedoch die angebliche Inferiorität der Frau betrifft, denken wir Folgendes. Wenn Körper und Geist der Frau durch eine lange Reihe von Generationen einer Erziehung unterworfen würde, die mit der des Mannes übereinstimmt, werde es vielleicht möglich sein, von einer Gleichheit der Geschlechter zu sprechen. Aus diesem Grund verteidigen wir mit größter Anteilnahme die Rechte der Suffragetten. wir bedauern lediglich ihre kindische Begeisterung für das lächerliche und elende Wahlrecht. Wir sind aber überzeugt, daß sie uns freiwillig helfen werden, diese stupide Institution zu zerstören, zu der der Parlamentarismus durch Korruption und Banalität herabgesunken ist. [Marinetti]
Ich bekenne, daß wir starken Futuristen angesichts eines so berauschenden Schauspiels uns von allem Weiblichen völlig entfernt fühlen. Die Frau scheint uns plötzlich allzu irdisch, sie wird zum Symbol der Erde, die wir verlassen müssen. Wir hoffen, eines Tages unseren mechanischen Sohn zu erschaffen als die Frucht des reinen Willens.

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Gundula Gabriel (Der Maschinenmythos in der futuristischen Literatur 1989)

Der Krieg wird nicht als eine universale Katastrophe gesehen er ist vielmehr ein rauschendes Fest, ein enthusiastisches Spektakel, das mit "giocattoli enormi che agiranno all 'aperto, pericolosi, aggressivi" ausgetragen wird.

Die Forderung nach der Beseitigung des "io" in der futuristischen Literatur ist somit das Zeichen, daß die Technik - und damit die Maschine - endgültig die Oberhand über den Menschen gewonnen hat, denn gerade die Vorstellung, daß die Technik den Menschen an die moderne Zivilisation angleichen könnte, läßt die eigene Persönlichkeit hinfällig werden. Die Anpassung an die Maschine und damit an die Industriegesellschaft fordert die absolute Selbstaufgabe.

Der Wunsch einer poliespressione del mondo, also einer allumfassenden Kunst, die nicht nur die Literatur, sondern auch die Musik, die Malerei und die Lautkunst einschließt, sollte die Brücke zwischen dem Wort und der Realität bilden.

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Kjell Skyllstad (Der musikalische Futurismus / Studien zur Wertungsforschung 1976)

1. Der Futurismus war die erste industriell-urbanistische Kunstbewegung.
2. Der Futurismus bedeutete eine Dialektik von Künstler und Material, indem im Material ein dynamisches Eigenleben erkannt wurde.
3. Die Futuristen verstanden sich als professionelle Handwerker und Techniker der Kunst und widersetzten sich dem bürgerlichen Geniekult.
4. Die Futuristen machten den ersten Schritt, ihrer eigenen Produktionsmittel Herr zu werden und unmittelbar in Verbindung mit dem Verbraucher zu arbeiten.
5. Die Futuristen erkannten als erste, daß jede Epoche eine eigene authentische Kunst verlangt und schafft.

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Enrico Fubini

Das Streben nach der Identifikation von Kunst und Leben, das der futuristischen Poetik zugrundeliegt und das sich bei sovielen avantgardistischen Richtungen der allerletzten Zeit wiederfindet, ist einer der bedeutendsten des Begriffes der Musik der Geräusche bei Russolo. Diese neue futuristische Sensibilität sehnt sich danach, in das Getöse der modernen Welt und vor allem des modernen Krieges zu tauchen (Russolo z.b. zitiert in seinem Manifest voll Begeisterung einen Brief Marinettis von der türkischen Front, in welchem dieser "mit wunderbaren freien Worten das Orchester einer großen Schlacht" beschreibt). "Wir", so fährt Russolo fort, "wollen diese ganz verschiedenen Geräusche anstimmen und harmonisch und rhythmisch regeln...das Geräusch ist also unserem Ohr vertraut und vermag uns augenblicklich zum Leben selbst zurückzuführen". Der Krieg, von Marinetti als die einzige Hygiene der Welt bezeichnet, hätte der Kulminationspunkt jener vitalen Unordnung sein sollen, aus der die Kunst erwachsen sollte, die Kunst als unmittelbare Geste, ohne Geschichte, ohne Tradition, dazu bestimmt, sich in sich selbst zu erschöpfen. der Geräusch-ton Russolos, das Knattern der Maschinengewehre, die Symphonie des Krieges, die Polyrhythmie, das Heulen der Sirenen, mögen die konkrete und vielleicht sogar die elektronische Musik vorwegnehmen, sie drücken aber doch - übersetzt in die musilakische Sprache - das destruktive Element des Faschismus aus.

credits


Peter Courtemanche

stammt aus Vancouver und arbeitet als Medienkünstler und Kurator. Er bewegt sich in den Bereichen der Klangkunst, Radiokunst und interaktiven Installationen. Als Kurator und Techniker kooperierte er mit zahlreichen Künstlern bei Video- und Audioinstallationen und Computer/Eektronik basierten Produktionen an der Westküste.

  • Zang Tumb Tumb

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    Filippo Tommaso Marinetti, Zang Tumb Tumb, 1914

  • Zang Tumb Tumb

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    Filippo Tommaso Marinetti, Zang Tumb Tumb, 1914

  • Sophie Taeuber

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  • Emmy Hennings

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    © Astrid v. Stein 1996

  • Hugo Ball

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    1917

  • Futurismus

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Geschichten II