Projekt | Musiktheater (2018)
Hundert Jahre Schlaf – ein Geschenk?

Auftrag netzzeit und Wien Modern
Produktion netzzeit in Koproduktion mit Dschungel Wien und Wien Modern

Das Mädchen sticht sich an der Spindel und ist weg. Weg die vielen Stimmen, die Regeln und die Möglichkeiten. Weg die vielen Fragen wegen Sex, weg die Ermahnungen und Verlockungen. Weg die Gefahren der Fruchtbarkeit. Für Hundert Jahre dreht und schraubt sich das Mädchen hinein in eine Welt zwischen Leben und Tod.

Im immersiven realen Bühnenraum reisen wir mit ihr in virtuelle Klang- und Bilderwelten, folgen ihren kleinsten Kopfbewegungen mit denen sie, bestückt mit VR Brille und Kopfhörern, durch unwirkliche Landschaften navigiert und erkunden die letzten Winkel einer wuchernden Welt mit Vögeln und Insekten, aber ohne Säugetiere und Menschen.

In diese Welt hinein, aber auch wieder aus ihr heraus geleiten uns Klänge von Harfe, Virginal und Flöten, gespielt von airborne extended, und die Worte des Erzählers.

Elisabeth Schimana: Konzept, Musik
Ann Cotten: Text
Markus Wintersberger: VR-Projektionen
Airborne Extended: Sonja Leipold (Virginal, Spinettino), Caroline Mayrhofer (Blockflöten, Paetzold), Doris Nicoletti (Querflöten), Tina Žerdin (Harfe)
Christian Reiner: Erzähler
Nora Scheidl: Raum
Jan Wielander: Licht
Peter Venus: Technik
Michael Scheidl: Künstlerische Leitung

26 11 2018 - FR 30 11 2018 19:30 MI und FR 10:30 Dschungel Wien

Nachdem netzzeit und Wien Modern vor etwa 2 Jahren an mich herangetreten sind mit der Frage ob ich zu Grimms Märchen etwas machen möchte, begann ich mich wieder – ich hatte in den 90er Jahren Musik zu Grimms Märchen für eine ORF Produktion gemacht – mit den Brüder Grimm und ihrer Märchensammlung zu beschäftigen. Meine Auswahl fiel auf Dornröschen und auf der Suche nach dem Urtext fiel mir die These von Sophie Claire Wolf zu.

In ihrer Bacchelor Arbeit - "Intertwined Storytelling. Woman's Voices in the folktales collected by Jacob and Wilhelm Grimm“– verweist sie auf die erste Transkription in der Oelenburger Handschrift von 1810. „The first transcript is only available to us today because the
brothers send a copy to Claude Brentano, who later bequeathed the manuscript to
the cloister in Ölenberg.“ Der in diesem Büchlein sich befindende Urtext ist der Ausgangstext für die Produktion Gestochen und weg.

Nora Scheidl brachte mir das Buch „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ von Clarissa Pinkola Estés, in dem sie Märchen aus aller Welt einer Analyse unterzog.

Sophie Claire Wolf analysiert Märchen der Brüder Grimm mit einem feministischen Ansatz und beruft sich dabei auf die Theorie von Luce Irigaray. Viele Geschichten der Sammlung wurden von jungen Frauen der damaligen Oberschicht den Brüder Grimm zugetragen.

„These young women all lived in the same higher society at approximately the same
time in Germany. They told their stories to the Brothers Grimm without the promise
of authorship or recognition. Therefore it is important first to examine how to analyse
feminine storytelling in a world dominated by males.“

Die Deformierung und Patriarchalisierung der Geschichten, wie wir sie heute in Kinderbüchern vorfinden, verschüttet die ursprünglichen weiblichen Thematiken und stilisiert etwa den Prinz im „Dornröschen“, der sich zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort befindet, zum Helden.

Auch Clarissa Pinkola Estés spürt in ihrem Buch diesen Verstümmelungen nach, verfolgt aber einen ganz anderen Ansatz, nämlich den der Psychoanalyse. Sie vergleicht 100derte Geschichten aus aller Welt auf der Spur nach dem Archetyp der „Wilden Frau“.

„Viele Geschichten wurden im Laufe der jahrhundertelangen Überlieferung von den Geschichtenerzählern aus religiösen Gründen so bereinigt, dass ihre eigentliche Grundsubstanz kaum noch durch die späteren Überlagerungsschichten hindurchscheint. ….Ein Beispiel (unter vielen) ist die Märchensammlung der Brüder Grimm. ….So ging den Frauen ein unermeßlicher Schatz an alten lehrreichen Geschichten über Sex, Liebe, Eheleben, Schwangerschaft, Macht und Geld, die weiblichen Transformationen und den Tod verloren.“

Dem im „Dornröschen“ innewohnenden Komplex von Fruchtbarkeit, Reproduktion und der gefährlichen Zeit der Pubertät – Dornröschen fällt akurat dann in einen 100jährigen Schlaf, als sie reproduktionsfähig wird – widmet sich Ann Cotten in ihrem Text „Gestochen und weg.“ und erzählt damit eine sehr alte Geschichte neu. Ein Sprecher (Christian Reiner) und das Ensemble airborne extended befinden sich in diesen Teilen des Stücks auf der Bühne im Dialog. Ist der Text von Ann Cotten Ausgangspunkt für die Interpretation von Christian Reiner, und steht somit in Beziehung zur Schriftkultur, folgt das Ensemble einer sich zu erinnernden Klangpartitur und stellt somit eine Verbindung zur oralen Tradition her. Die Musikerinnen interpretieren auf ihren sehr alten Instrumenten (Virginal, Harfe und Flöten) Field Recordings aus unterschiedlichen Teilen dieser Welt, digitale Nadelstiche und Aufnahmen von Webstühlen, die mit ihren Machinenrhythmen uns permanent daran erinnern, dass gefälligst im Takt der Maschine produziert werden muss.

Hundert Jahre Schlaf – ein Geschenk?

Eine Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt. Mag der 100jährige Schlaf in der Geschichte vom Dornröschen noch als Strafe der bösen Fee gehandelt werden, kann dieser heute in einer Welt der Überproduktion und absoluten Rastlosigkeit und der damit verbundenen Zerstörung dieser Welt als wahrer Segen betrachtet werden. Wie wäre denn eine Welt ohne uns Säugetiere? Könnte sie sich erholen?

Eine Residency führte mich nach Wellington / Neuseeland und nach Zealandia, benannt nach dem nicht anerkannten geologischen Kontinent im Pazifischen Ozean, zudem auch Neuseeland gehört.

„ZEALANDIA is the world’s first fully-fenced urban ecosanctuary, with an extraordinary 500-year vision to restore a Wellington valley’s forest and freshwater ecosystems as closely as possible to their pre-human state. The 225 hectare (500+ acre) ecosanctuary is a groundbreaking conservation project that has reintroduced 18 species of native wildlife back into the area, some of which were previously absent from mainland New Zealand for over 100 years.“
https://www.visitzealandia.com/Visit

In Zealandia wird eine Welt im physichen Raum simuliert, in Gestochen und weg eine virtuelle. Mit den Ausgangsmaterialien, Video- und Klangaufnahmen aus Zealandia, erschaffen Markus Wintersberger und ich digitale Welten, in die der Sprecher Christian Reiner mittels einer VR Brille und Kopfhörer eintaucht und sich dadurch in einen von der physischen Welt abgekoppelten Zustand begibt. Dornröschen sticht sich an einer Spindel, ein altes Symbol für Leben – Tod – Leben, beziehungsweise Diesseits und Jenseits, das schon bei Platon in „Politeia (Der Staat), Der Gesichtspunkt der Unsterblichkeit (Buch X), Der Mythos vom Schicksal im Jenseits und im Diesseits“ vorkommt.

Für das Publikum projezieren wir diese digitalen Bild- und Klangwelten in den physischen Bühnenraum. Mit jeder Kopfbwegung von Christian Reiner wird ein anderer Ausschnitt aus dem virtuellen 360° Raum sichtbar und hörbar.

Aber auch in Gestochen und weg müssen wir wieder aufwachen, und die Geschichte muss weitergehn.

credits


Airborne Extended

Die Besetzung mit Harfe, Cembalo, Block- und Querflöte ist einzigartig und abseits vom Mainstream. | homepage

Ann Cotten

geboren 1982 in Ames, Iowa, lebt in Wien, Berlin und Nagoya. Studium der Germanistik in Wien, mehrere literarische Publikationen, zuletzt: "Verbannt" (edition suhrkamp, 2016), "Lather In Heaven" (englisch, Broken Dimanche Press, 2016), "Jikiketsugaki. Tsurezuregusa" (Verlag Peter Engstler, 2017), "Fast Dumm" (starfruit press, 2017), "Was Geht" (Sonderzahl 2018), in Kürze: "Lyophilia" (Suhrkamp 2019). | homepage

Markus Wintersberger

wurde 1968 in Krems an der Donau geboren und studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Prof. Bernhard Leitner. Seit 1995 ist er als freischaffender Medien Künstler und Professor für Experimentelle Medien an der FH St. Pölten tätig. Zahlreiche Projektumsetzungen im realen sowie virtuellen Raum zumeist in Zusammenarbeit mit KünstlerInnen aus unterschiedlichen Kunstsparten. | homepage

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    © Markus Wintersberger

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