Fugen fragmentarisch vernetzt in 13 Bildern

Projekt | Musiktheater (2021)
Linse der Nacht / Transit / The Great Gig in the Sky / Kugel und Katze / Fernsehding / Idoru / Walled City / Lucky Dragon / Auge und Uhr I / Auge und Uhr II / Rei Toei / Möglicherweise das Ende der Welt / Jennifer

Musiktheater und Hörspiel auf Basis der Idoru (Bridge) Trilogie von William Gibson (Deutsche Übersetzung Peter Robert)
Eine netzzeit Produktion in Kooperation mit Wien Modern und Ö1 Kunstradio

06/10/11 11 2021 Wien Modern SOHO STUDIOS, Sandleitenhof
07 11 2021 Ö1 Kunstradio

Elisabeth Schimana: Gesamtkonzept, Komposition
Nora Scheidl: Konzept, Bühne, Kostüm
Roland Quitt: Dramaturgie, Textbearbeitung
Sigrid Reisenberger: Künstlerische Leitung Performance
Susi Wisiak: Choreografische Assistenz Performance
Philip Leitner: Bildregie, Netzwerk Programmierung
Klaus Filip: Bildregie, MAX/Jitter Programmierung
Jan Wagner: Licht
Peter Venus: Technische Leitung

Christina Sutter: Performance
Chetan Yeragera: Performance
Aiko Kazuko Kurosaki: Performance, Stimme
Pete Simpson: Performance, Stimme

Adele Knall: DIY Elektronik, Stimme
Gregor Ladenhauf: Max Brand Synthesizer, Stimme
Manon Liu Winter: Max Brand Synthesizer, Clavichord
Thomas Gorbach: Wiener Akusmonium

Sprecher*innen: Laura Enzenhofer, Flora Punzer, Alina Weillechner, Lukas Aschenreiter, Clemens Gersthofer, Patrick Leitgöb, Katharina Schmirl, Leon Lembert
Aufgenommen im Hörspiel-Studio des ORF Funkhauses in Wien mit Studierenden der Schauspielakademie Ott unter der Leitung von Sigrid Reisenberger


In der Idoru (Bridge) Trilogie (Virtual Light 1994 / Idoru 1996 / All Tomorrow 's Parties 1999) kollidieren die Macht der Medienmogule mit Hackern und den Brückenbewohner*innen, die physische Präsenz von Dingen und Körper mit aus Code generierten Gestalten oder die fortlaufende Zeit eines Sekundenzeigers mit dem zeitlosen schwarzen Loch des digitalen Raums. Ein Kaleidoskop von Viren, Drogen, Waffen, Data Heavens, slicken PR Manager*innen, Fernsehgläubigen, Datenkraken, Avataren und vielem mehr. Aber die Frage nach Autonomie und den sich zu schaffenden Räumen dazwischen, den Fugen, bleibt eine essentielle.

Begeben wir uns also in die Räume in denen sich die Möglichkeiten befinden, the interstitial, wie Gibson sie nennt, Polyphonien von Stimmen in denen jeder Stimme ein Raum gegeben wird und komplexe unvorhersehbare Strukturen fragmentarisch vernetzt entstehen und vergehen.

Die physischen Körper der Besucher*innen, Performer*innen und Musiker*innen vernetzen sich mit den Augen einer Tablet Installation und werden so zu Beobachtenden und Beobachteten, während die Stimmen von acht abwesenden Körpern die von Roland Quitt aus dem Gibson Text generierten 13 Bilder erzählen.

DIY Elektronik oder der von Max Brand in Zusammenarbeit mit Bob Moog gebaute Max Brand Synthesizer symbolisieren Widerstand und Eigenermächtigung. Tastaturen erinnern an ihre Jahrhunderte alte Geschichte als Schnittstelle zu Maschinen – die Tasten des Clavichords, das zweifache Keyboard des Max Brand Synthesizers oder die Computertastatur.

Gewaltige Klänge physikalischer Modelle von Membranen prallen auf Field Recordings und Stimmen anwesender und abwesender Körper. Das Wiener Akusmonium, ein im Raum verteiltes Lautsprecherorchester, schleudert die Klanggestalten durch die Luft und vernetzt somit akustisch den durch massive Säulen fragmentierten optischen Raum.

Kontrapunktisch driften die einzelnen Stimmen durch die Zeit und fügen sich zu einem Geflecht aus Körpern, Objekten, Licht und ephemeren Klanggestalten.

Zum Buch

In Virtual Light repräsentiert die Brücke, eine autonome Zone, Wildwuchs und Subversion in San Francisco, den Möglichkeitsraum. Die Protagonistin Chevette, eine Fahrradbotin und Bewohnerin der Brücke, kollidiert mit einem Kurier der Macht (Cody Harwood) und gerät in Besitz der VL (Virtual Light) Brille, die das Geheimnis, den Code der Zukunft von San Francisco und der mit ihr verbundenen Macht in sich birgt. Echte Geheimnisse können in einer Welt, in der digitale Kommunikation jederzeit gehackt und abrufbar ist, nur noch exklusiv von Kurieren überbracht werden. Die Jagd beginnt und Rydell der Anticop oder „Cop in Trouble“ erweist sich als bisweilen chaotischer Weggefährte.

Der Möglichkeitsraum verschiebt sich in Idoru in die Walled City, eine autonome Zone im Netz, der Raum zwischen der Wand und der Welt, gebaut nach dem Vorbild von Hak Nam (Stadt der Dunkelheit) einer ehemals physischen autonomen Zone in Hong Kong, das Schwarze Loch in dessen Mitte. Im Zentrum von Idoru steht die Vermählung des Popstars Rez mit der aus reinem Code generierten Holo Rei Toei in Tokyo und der Jagd nach dem dazu benötigten Nanotechnologie Assembler in Form eines durchlöcherten Eis. Chia, viel zu junger Fan des alternden Popstars, einem Auslaufmodell seiner Zeit, und die gesamte über den Globus verteilte Fangemeinde, sowie Laney der Netrunner, angeheuert von Rez' Firma Paragon-Asia Dataflow, um im Netz der Daten nach relevanten Knotenpunkten zu suchen, kollidieren mit dem Kombinat das ebenso für andere Zwecke am Ei und dessen Potenz zur Gestaltung der Zukunft interessiert ist.

Die Brücke, Walled City, die sich emanzipierende Rei Toei, Chevette und Rydell sind ebenso Teil des Finales in All Tomorrow's Parties, wie Laney, der sich im Untergrund Tokyos seine eigene autonome Zone in einem Pappkarton schafft und tief in die Welt der Daten eintaucht. Dabei erkennt er, dass ihn, die durch die Droge 5-SB ausgelöste Fähigkeit, nämlich das Aufspüren relevanter Knotenpunkte und der damit verbundenen Möglichkeit den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, mit Cody Harwood verbindet. Fontaine, Hüter der Dinge und ihrer Geschichten, ein alteingesessener Brückenbewohner, beherbergt in seinem Laden den obdachlosen Silencio, der im Besitz einer Jaeger-LeCoultre Futurematic Armbanduhr ist, die er von The Man, jenem der keine digitalen Spuren hinterlässt und ausschließlich im Moment lebt und handelt, geschenkt bekam. Cody strebt nach der absoluten Macht und Kontrolle, und der Einverleibung noch vorhandener autonomer Zonen - The Big Change. Doch das System schlägt zurück und obwohl Die Brücke brennt, verbrennt sie nicht. Und die Futurematic nimmt den Platz ein, den Cody besetzt hielt.

“...Rei Toei is there, and passes him this sigil, clockface, round seal, the twelve hours of day, twelve of night, black lacquer and golden numerals, and he places it on the space that Harwood occupied. And sees it drawn in, drawn infinitely away, into that place where Harwood is going; drawn by the mechanism of inversion itself, and then it is gone….”
Laney verschwindet im Schwarzen Loch, dem digitalen Nirwana, dort wo es keine Zeit und keinen Raum gibt, Rei Toei ist auch schon Geschichte, The Big Change fand doch nicht statt und Silencio bleibt der Hüter der Zeit und kocht Kaffee.

Mit Unterstützung von Niederösterreich Kultur, Wien Kultur, SKE, BMKÖS, Wien Bibliothek im Rathaus, Langenzersdorfer Museum
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    © Nora Bischof

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